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This topic is currently marked as "dormant"—the last message is more than 90 days old. You can revive it by posting a reply. 1PersephonesLibraryIn diesem Thread werden wir gemeinsam Philip Roths "Portnoy's Complaint" lesen. Zeitlich sind vier Wochen für das Buch vorgesehen und für jede Woche ein Pensum von knapp 70 Seiten eingeplant: Bis 14. Februar: die ersten zwei Kapitel ("The most unforgettable..." & "The jewish blues") Bis 21. Februar: "Cunt crazy" bis S. 152 (der letzte Satz: "Who knew that the secret to a shikse's heart (and box) was not to pretend to be some hook-nosed variety of goy, as boring and vacuous as her own brother, but to be what one's uncle was, to be what one's father was, to be whatever one was oneself, instead of doing some pathetic little Jewish imitation of one of those half-dead, ice-cold shaygets pricks, Jimmy or Johnny or Tod, who look, who think, who feel, who talk like fighter-bomber pilots!") Bis 28. Februar: "Look at The Monkey..." bis S.219 ("If I could be somehow sprung from this obsession with fellatio and fornication, from romance and fantasy and revenge - from the settling of scores! the pursuit of dreams! from this hopeless, senseless loyality to the long ago!") Bis 7. März: "In 1950, just seventeen, and Newark..." bis zum Schluss Ich wünsche viel Spaß beim Lesen und freue mich auf eine spannende Diskussion! 2johannes_reiter1. Station erreicht: Ein großartiges Buch haben wir da ausgesucht. Vielleicht eine etwas unglückliche Wahl, um es mit einer Dame zu besprechen. Allein der erste Satz ist besser als jeder erste Satz, den er bis dahin geschrieben hat. Die Welt des Alexander Portnoy ist eine ähnliche wie die von David Sedaris es 30 Jahre später sein sollte. Stigmatisiert sind beide: Der eine Atheist, der andere schwul. Wo bei Sedaris aber bisweilen der Slapstick, das allzu Grelle Überhand nimmt, bleibt Alexander Portnoy (noch?) nahe an der Realität. Die Komik dieses Buches hat, wie so oft, einen tragischen Kern. Unterdrückt von der Mutter, (vermeintlich) im Stich gelassen von Vater und Schwester, fristet Alexander ein Leben zwischen sehr guten Noten, einem privaten Überwachungsstaat, und seltenen Momenten des Glücks. Mit letzterem sind nicht unbedingt Ausflüge ins Badezimmer gemeint, nein, ihm genügt eine Partie Baseball, um sich wenigstens für kurze Zeit frei fühlen zu dürfen, von der erdrückenden "Fürsorge" seiner Mutter. Geplagt von Schuldkomplexen (Der Krebs der Mutter, die Plackerei des Vaters) auf der einen und unbändigem Freiheitsdrang auf der anderen Seite (Kommunismus, Atheismus, das Lossagen von den überholten Konventionen und Traditionen des Elternhauses), scheitert er doch immer wieder. Dies freilich auf sehr unterhaltsame Weise. Fazit bis jetzt: * * * * *. Ein Quantensprung verglichen zu "Letting Go" und "When She Was Good." Jetzt bin ich auf die weibliche Sicht der Dinge gespannt. 3johannes_reiter1. Station erreicht: Ein großartiges Buch haben wir da ausgesucht. Vielleicht eine etwas unglückliche Wahl, um es mit einer Dame zu besprechen. Allein der erste Satz ist besser als jeder erste Satz, den er bis dahin geschrieben hat. Die Welt des Alexander Portnoy ist eine ähnliche wie die von David Sedaris es 30 Jahre später sein sollte. Stigmatisiert sind beide: Der eine Atheist, der andere schwul. Wo bei Sedaris aber bisweilen der Slapstick, das allzu Grelle Überhand nimmt, bleibt Alexander Portnoy (noch?) nahe an der Realität. Die Komik dieses Buches hat, wie so oft, einen tragischen Kern. Unterdrückt von der Mutter, (vermeintlich) im Stich gelassen von Vater und Schwester, fristet Alexander ein Leben zwischen sehr guten Noten, einem privaten Überwachungsstaat, und seltenen Momenten des Glücks. Mit letzterem sind nicht unbedingt Ausflüge ins Badezimmer gemeint, nein, ihm genügt eine Partie Baseball, um sich wenigstens für kurze Zeit frei fühlen zu dürfen, von der erdrückenden "Fürsorge" seiner Mutter. Geplagt von Schuldkomplexen (Der Krebs der Mutter, die Plackerei des Vaters) auf der einen und unbändigem Freiheitsdrang auf der anderen Seite (Kommunismus, Atheismus, das Lossagen von den überholten Konventionen und Traditionen des Elternhauses), scheitert er doch immer wieder. Dies freilich auf sehr unterhaltsame Weise. Fazit bis jetzt: * * * * *. Ein Quantensprung verglichen zu "Letting Go" und "When She Was Good." Jetzt bin ich auf die weibliche Sicht der Dinge gespannt. 4PersephonesLibraryPrima, du bist ja auch schon so weit! Ach, falls es dich zu sehr beschränkt, stell dir einfach vor, ich wäre ein Mann. :) Kurz zu meiner Ausgabe: Ich lese die englische Vintage Ausgabe von 2005: ![]() Bisher bin ich von dem Buch ganz begeistert, und bin sehr gespannt, wie es weitergeht. Auch Freud hätte seine Freude an Portnoy gehabt, denn seine „Beschwerde“ stellt sich als Paradebeispiel für den Ödipus-Komplex heraus. Ein ganz großes Thema in Portnoy's Complaint ist Schuld. Vor allem die Mutter des Protagonisten arbeitet mit Schuldgefühlen, um Alexander Portnoy zu manipulieren: „What horrible things have we done to you all our lives that this should be our reward!“ (S. 25) “Yes, she has me where she wants me, and she knows it.” (S. 26) „Let’s forget the whole thing.“ But she can’t, so now she begins to cry.” (S. 31) Aber es sind nicht nur familiäre Argumente, die in dieser emotionalen Erpressung verwendet werden, sondern Portnoy wird das geschichtliche Erbe der Juden auferlegt. Und schließlich trägt Portnoy selbst durch seine Masturbations-Marathons zu seinem schlechten Gewissen bei.( „I am the Raskolnikov of jerking off…“ , S.20) Dass daraus nur eine leicht beziehungsgestörte Person resultieren kann, erklärt sich vermutlich von selbst. Mir gefällt der Aufbau des Buches, dass wir als Leser Zeugen des Therapiegesprächs zwischen Portnoy und Spielvogel werden. Roth schreibt genial-witzige Szenen, wie bspw. als die Mutter Portnoy wegen der French Fries zur Rede stellt ( Tell me, please, what other kind of garbage you’re putting into your mouth… , S.24 - Wenn sie wüsste...). Eine meiner Lieblingszenen ist aber immer noch, als sein linker Hoden auf Wanderschaft geht. (Oder wie ich die Szene nenne: „Die Suche nach dem verlorenenen Ei“) In school we chanted, along with our teacher, I am the Captain of my fate, I am the Master of my soul, and meanwhile, within my own body, an anarchic insurrection had been launched by one of my privates – which I was helpless to put down! (S. 38) Ich habe gelesen, dass das Buch autobiographische Züge trage, deshalb muss ich mich da noch mehr informieren. 5johannes_reiterDas stimmt, diese Szene ist super. Ebenso der vermeintliche Krebs, sein Bestehen darauf, die Mahlzeit mit "the shvartze" einzunehmen, und und und. Ich freue mich schon auf die nächsten Kapitel. Bis dahin eine schöne Woche. 6PersephonesLibrary PORTNOY: KLAPPE, DIE ZWEITE Auch der zweite Teil war wieder spitze. Ich hoffe, ich kann meine Gedankengänge in einigermaßen geordneter Form auf das virtuelle Papier bringen. Ich fand es sehr interessant, dass wir nicht nur ein Psychogramm von Portnoy erhalten, sondern im Grunde auch von allen Dritten, v. a. von den Eltern. Beide schaffen es nicht, einen erfolgreichen Loslösungsprozess vom eigenen Kind durchzustehen. Jack braucht seinen Sohn, um seine Angst vor dem Alter bzw. Tod zu bekämpfen. Und Alexander muss sich fragen, „(t)hat with me around it simply won’t happen?“ Ich kann mir gut vorstellen, dass wenn die Kinder das Haus verlassen, den Eltern ihr Älterwerden erst richtig bewusst wird. Darum fällt es auch Alexanders Eltern so schwer, ihn erwachsen werden zu lassen, bzw. ihn als mündige, selbständige Person anzusehen: “Good Christ, a Jewish man with parents alive is a fifteen-year-old boy, and will remain a fifteen-year-old boy till they die!” (…) Excuse me, I meant ten! I meant five! I meant zero!“ Das eigene Kind bleibt halt doch immer Kind. Ganz allgemein dazu ist mir folgender Spruch eingefallen: Das Gegenteil von „gut“ ist „gut gemeint“! Da kann man es nur Pech oder Schicksal nennen – oder ist es einfach die logische Konsequenz dieser Erziehung -, dass Alex mit seinem „Äffchen“ ausgerechnet wieder eine selbstaufopfernde Frau gefunden hat, die alles „nur für ihn getan hat“. Mir ist sie bereits in den ersten beiden Kapiteln aufgefallen, aber auf diesen Seiten wurde die Analogie von Essen und Sex noch deutlicher beschrieben. Diesbezüglich fand ich die Parallele von Jacks eventuellem Seitensprung und dem Puddingklau sehr schlau konstruiert. Direkt gleich gesetzt werden die beiden Gelüste etwas später, als Alex mit seinem „Äffchen“ im Restaurant isst. Was die rohe Leber angeht, möchte ich im Moment lieber schweigen. Ein weiterer wichtiger Aspekt ist die Sprache , wobei ich mir da noch nicht ganz sicher bin, worauf Roth hinaus möchte. Im zweiten Kapitel des ersten Teils gibt es die Figur des Rabbis , der allen Wörtern noch Silben hinzufügt. - Ich kam nicht um den Gedanken herum, dass die „Länge das Entscheidende“ ist, wodurch die Sprache bzw. das Wort zum Phallussymbol / Phallusersatz wird. Im zweiten Teil gibt es die Szene mit den „typisch jüdischen Wörtern“ . Dazu ist mir Foucault eingefallen, der Sprache als von unterschiedlichen Institutionen instrumentalisiertes Machtwerkzeug betrachtet. Wobei da wahrscheinlich einfach generell der Einfluss der jüdischen Kultur gemeint ist, so wie Alex im ersten Teil gefragt hat, ob sie eigentlich an den Winter glauben. Schließlich wäre dazu noch der Vergleich zwischen den jüdischen Müttern und Kühen, aufgrund der sinnentleerten Rede. Dazu passen auch die zahlreichen literarischen Anspielungen , die meist auf psychologisch interessante Werke hinweisen, wie bpsw. Kafkas „Verwandlung“, oder Shakespeares „King Lear“ Eine wichtige Frage, die im Buch gestellt wird, ist die nach der eigenen Identität , sowohl der persönlichen, sexuellen, beruflichen, etc. Dabei habe ich mich gefragt, ob es eigentlich immer ein Feindbild braucht, von dem man sich abgrenzen kann – und als dessen Gegenbild man sich positionieren kann. Ich habe vor allem deshalb darüber nachgedacht, weil sich die Juden selbst oft Anfeindungen gefallen lassen müssen, aber bspw. Alexanders Vater gegen die Kommunisten und Polen hetzt, bzw. die Eltern etwas gegen Homosexualität haben, und der Umgang mit ihrem schwarzen Dienstmädchen auch nicht "kosher" ist. Sonstige Zitate: “But what my conscience, so-called, has done to my sexuality, my spontaneity, my courage! “…shame, inhibition, fear” “-how I made it into the world of pussy at all, that’s the mystery.” “even my cock is ashamed and doesn’t give me a single word of back talk…” 7johannes_reiterLast minute: Der Tragikomödie zweiter Teil Alexander Portnoy ist mittlerweile zwar 33, höchst erfolgreich und gesellschaftlich angesehen, aber noch immer wird er von seinen Eltern unterdrückt. Aus Rücksichtnahme getraut er sich es dann aber doch nicht, mit ihnen zu brechen - sie lieben ihn ja so sehr! Die Konsequenz daraus ist allerdings, dass seine Qualen an Intensität zunehmen. Eine Frau, die wir nur als the monkey kennenlernen (keine Misogynievorwürfe, Frau Kollegin?), kann da auch nur kurzweilig Abhilfe schaffen. Ob sich das in Italien wirklich alles so abgespielt hat, wie von Herrn P. behauptet, darf bezweifelt werden. Auch sehr großartig an diesem Werk ist die Achterbahnfahrt zwischen Komödie und Tragödie. Da widmet er sich zuerst höchst amüsant seitenlang den sexuellen Eskapaden in Jugend- und Erwachsenenzeit, und dann kommt diese traurige Szene mit der Prostituierten, die in regelmäßigen Abständen abtreiben lässt. Die Sehnsucht dazuzugehören, eine shikse kennenzulernen bzw. zu erobern, die Ablehnung der eigenen Nase, all das beweist wieder einmal, das die besten Komödien ihre Wurzel im Tragischen haben. Ob der Rabbitalk wirklich was mit Freud zu tun hat - ich bin zuwenig über die Person des Autors informiert, um das beurteilen zu können. Aus einer der "Five Stories", die zusammen mit "Goodbye, Columbus" sein als erstes veröffentliches Buch bilden, ließe sich auch durchaus spöttische Distanz zu dessen Werk ablesen. Fazit der zweiten Strecke: * * * * *, und es wächst st... kein guter Vergleich. Gute Nacht. 8PersephonesLibraryMisogynie... wenn du liest, warum er sie so nennt, wirst du lachen. Ich weiß nicht, ob ich ihm einen Vorwurf daraus machen kann - einfach weil man bei ihm so gut die Entwicklung seines Frauenhasses nachvollziehen kann. (Was nicht heißt, dass es gut zu heißen wäre.) Vielleicht kann er einem viel mehr leid tun, weil er sich nie auf jemanden wirklich einlassen können wird - und vermutlich allein sterben wird? (Bei deiner Frage ist mir ein Artikel eingefallen, in dem besprochen wurde, dass weibliche Kosenamen meistens Tiere sind, die gejagt oder erlegt werden, wie Hasi oder Mausi. Die männlichen repräsentieren eher die Jäger, wie Bärchen. :) Immerhin ist "Äffchen" da relativ neutral.) Die Szene, in der die Prostituierte von ihren Abtreibungen erzählt, hat mich schwer schlucken lassen, weil es so beiläufig war. Und ja, da stimme ich dir zu: Roth hat eine wirklich gute Melange aus Tragik und Komik geschaffen! 9PersephonesLibrary Portnoy III In diesem Teil erhalten wir noch mehr Hintergrundinformationen über das Leben von Alex und Mary Jane “Monkey” Reed, und vor allem wie sie sich kennengelernt haben. Was mir ganz allgemein aufgefallen ist, dass Roth hier verschiedene Themen behandelt, die auch in späteren Romanen vorkommen werden. In diesem Teil sind es zwei Themen, nämlich die Kinderlähmung-Epidemie in den 1940ern (-> „Nemesis“), sowie die „Chinesische Hymne“ (-> „Indignation“). Auch im vorangegangenen Teil hatte ich ein solches „Déjà-vu“-Erlebnis, als die Menage à trois von Alex, Monkey und Lina beschrieben wurde (-> „The Humbling“). Eine (wenn nicht sogar die ) entscheidende Szene in diesem Teil ist die mit Bubbles: Which is how it occurs to me what to do. I will forget that the fist tearing away at me belongs to Bubbles – I’ll pretend it’s my own! So, fixedly I stare at the dark ceiling, and instead of making believe that I am getting laid, as I ordinarily do while jerking off, I make believe that I am jerking off. Lustig fand ich, dass Alex bestimmte Dinge sich immer als Schlagzeilen vorstellt. Das kommt unter anderem dann vor, wenn er gegen sein gutes Gewissen handelt, bzw. wenn er Angst hat, von den Leuten verurteilt zu werden. In einer Szene stellt er indirekt erneut das erzieherische System seiner Eltern in Frage: Als er erfährt, dass seine Jugendfreunde, die nie so gehorsam waren bzw. die nicht immer gute Noten nach Hause gebracht haben, trotzdem erfolgreich geworden sind, bricht bei ihm der Neid durch. Was nützt es, zu „funktionieren“, wenn man anders auch seinen Weg finden kann. Speziell was diese drei oberen Punkte angeht, habe ich mich gefragt, ob das nicht Anzeichen für Narzissmus sind? Ich werde da noch etwas recherchieren müssen… Und wieder spielt das Motiv der Sprache eine große Rolle. Alex selbst kämpft in seinem Job mit Worten – mit „the power of the pen“ – gegen Ungerechtigkeit an. Weiters definiert der Unterschied zwischen den sprachlichen Niveaus von Alex und Mary Jane in gewisser Weise auch ihre Beziehung - genau so wie das Gedicht (, das ich mir noch einmal genauer anschauen werde). 10johannes_reiterDritter Teil: Indem wir erfahren, wie Monkey zu ihrem Spitznamen kam, einem weiteren traumatischen Erlebnis der Jugend unseres Helden beiwohnen, hauptsächlich aber etwas über den Unterschied zwischen körperlicher Begierde und geistiger Liebe lernen Der gute Alex hat endlich die shikse seiner Träume gefunden, sein zutiefst erfülltes Sexualleben genügt ihm aber wieder nicht, ist doch die neue Flamme nicht gerade eine Intellektuelle. "Dir" statt "dear"!! Zu solchen Tiefen lässt er sich herab. Als er versucht, ihr ein bisschen Bildung angedeihen zu lassen, stößt das auf Unwillen und Verzweiflung seitens der Zwangsbeglückten. Dabei hätte er sich sogar eine Leseliste überlegt! Die Tatsache, dass er in nicht geringem Ausmaß von den Minderwertigkeitskomplexen des "Äffchens" profitiert, ignoriert unser Held geflissentlich. Kurz vor Ende dieses unseres dritten Abschnitts erfahren wir auch noch von einer anderen wichtigen Frau in P.s Leben - der intellektuellen, moralisch überlegenen "Pumpkin". Da aber diese Frau auch wieder nicht seinen turmhohen Ansprüchen genügen kann (zu wenig Attraktivität, zu wenig Begierde), musste offensichtlich auch diese Liebe enden. Wie, das werde ich vielleicht noch erfahren - Du weißt es ja schon. Ich persönlich habe diesen dritten Teil als etwas schwächer als die ersten beiden empfunden, weshalb der Gesamteindruck fürs erste auf **** 1/2 gefallen ist. Bezüglich der Schlagzeilen ist es ja so, dass heutzutage viele Menschen (ich zumindest) bestimmte Situationen ihres Lebens mit Filmszenen vergleichen, eventuell sind die Schlagzeilen einfach ein Hinweis auf die damals noch größere Bedeutung der Tageszeitungen. Er erwähnt ja auch, dass er schon im Teenageralter alle Tageszeitungen von Rang und Namen las. Ob er beim Echauffieren über die Karriere seiner ehemaligen Freunde bzw. Bekannten tatsächlich das Erziehungssystem seiner Eltern in Frage stellt? Ich weiß nicht. Ich glaube, es ist eher die (durchaus sympathische) egozentrische Unzufriedenheit mit der Ungerechtigkeit der Welt. Er, der großartige Alex P. sollte Präsident oder Oberster Richter sein. Er ist der intellektuelle, charakterfeste, welt- und wortgewandte Übermensch! Ich halte es also durchaus für gerechtfertigt, wenn Du ihm Narzissmus vorwirfst (oder ist der Vorwurf an Philip Roth selbst gerichtet?). Man könnte eigentlich sogar von einer an Solipsismus grenzender Egozentrik sprechen. Das schönste Zitat des Abschnitts: Christen haben religiöse Überzeugungen, für die sich selbst Gorillas schämen würden; und dieser Jesus Christus war überhaupt the pansy of palestine. Ich wünsche eine schöne Woche und erwarte gespannt das Finale seiner Beschwerden. P.S.: Aufgrund der nochmaligen Bezugnahme auf Freud scheinst Du mit Deiner vormaligen Vermutung Recht gehabt zu haben. Dennoch glaube ich eher, dass er den Rabbi einer realen Person nachgebildet hat (die von Dir bereits erwähnten autobiographischen Bezüge). P.P.S.: Den Tragik-Komik-Verweis spare ich mir diesmal. Peinlicherweise in beiden meiner ohnehin kurzen Reviews enthalten. Tss... 11PersephonesLibraryDen Eindruck, dass dieser Teil nicht ganz so stark ist, wie die vorhergehenden Seiten, kann ich bestätigen. Das mit den Schlagzeilen hängt auch mit seinem Amt zusammen. Alex als "öffentliche" Person muss damit rechnen, dass alles, was er macht, unter den Augen der Öffentlichkeit geschieht - und Zeitungen stürzen sich natürlich liebend gern auf Skandale. Das Infragestellen des Erziehungssystems habe ich folgendermaßen gemeint: Bereits als Kind wird einem eingebläut, dass aus einem nur etwas werden kann, wenn man sich an alle Regeln hält, gehorsam ist und immer brav lernt - sonst landet man in der Gosse. Die Lebensläufe seiner Kollegen zeigen Alex aber, dass es auch anders geht, dass man auch auf Umwegen seine Ziele erreichen kann, dass es auch ohne den Drill geht. Natürlich hängt das mit einer gewissen Grund-Ungerechtigkeit (so empfindet es zumindest Alex) zusammen, aber irgendwie scheint er die Schuld dafür auch auf seine Eltern zu schieben. (Und nein, der Narzissmus-Vorwurf ging natürlich nicht an Roth.) 12johannes_reiterDas Finale: Am Schluss dieses grandiosen, geistreichen, höchst amüsanten, und doch auch tieftraurigen Romans erfahren wir den Grund für die Inanspruchnahme des Dr. Spielvogel: Alexander Portnoy hat sich selbst die Höchststrafe für seine frevelhaften Verfehlungen auferlegt - Impotenz. Weder mit einer israelischen Soldatin noch mit einer Art linksintellektueller Wiedergängerin seiner Mutter klappt es. Zerfressen von Selbstvorwürfen und -zweifeln begibt er sich in die Obhut des Psychiaters. Meines Erachtens war der Romanheld nie sympathischer als auf diesen letzten Seiten. Im Schnelldurchgang erfährt man auch noch vom Schicksal der zwei Vorgängerinnen des Äffchens: die intellektuelle "Pumpkin" verscherzt es sich ausgerechnet mit einer Replik zum Thema Konversion (!), während die zweite ohnehin nichts für ihn ist. Von der Leere seines Lebens gelangweilt, sehnt sich Portnoy nun nach einem geborgenen Familienleben, Stabilität und Erfüllung. Noch einmal amüsant: der sadomasochistische Exkurs mit der israelischen Kommunistin. Wenn ich nun diesem Werk nicht die volle Punktzahl gebe, dann nur deshalb, weil die zweite Hälfte nicht das furiose Tempo der ersten Hälfte halten konnte. Ich frage mich allerdings, ob ich, wenn die erste Hälfte nicht so gut gewesen wäre, auch so denken würde. Hmm. Danke für Deine interessanten Ausführungen und Begleitung. 13PersephonesLibrary Das Beste kommt zum Schluss… oder: Sind wir nicht alle ein bisschen Portnoy? In diesem letzten Teil erhalten wir noch einmal klärenden Einsichten in Portnoys Leben, bspw. über seine ehemaligen Freundinnen – aber das hast du ja schon erwähnt. In diesem Bereich möchte ich nur kurz auf das eigenartige Bewertungssystem Portnoys eingehen: Er kritisiert nämlich seine Frauen immer nach ihrer Sprache (schon wieder das Sprachargument, ich weiß): in weeks following our false alarm, she came to seem to me boringly predictable in conversation, (…) (231) Why didn’t I marry the girl? Well, there was her cutesy-wootsy boarding school argot, for one. (…) I’m always telling these girls how to talk right, me with my five-hundred-word New Jersey vocabulary. (…) But then my argot caused her some pain too. (233) She spoke English perfectly, if a little bookishly – just a hint of some kind of general European accent. (259) Die nächstliegende Erklärung dafür ist, dass Portnoy einen Grund sucht, sich nicht langfristig binden zu müssen. Was wir in diesem (unserem) letzten Teil zum ersten Mal erfahren, ist, dass sich Portnoy eigentlich eine Familie wünscht, dass er sich allein und einsam fühlt. Aber er weiß selbst, dass er für ein normales, „spießiges“ Leben nicht geschaffen ist. – Nicht umsonst, nutzt er sein Sexualleben, um aus solch einem klassischen Leben zu fliehen. Dies wiederum bereitet ihm ein so schlechtes Gewissen, dass er sich nicht einmal mehr auf die eine der wenigen Konstanten in seinem Leben verlassen kann: Sex. Stattdessen muss er aufgrund der Impotenz von nun an ein Leben in völliger Unbefriedigtheit führen. Ich habe das Gefühl, dass Portnoy sich noch nicht wirklich gefunden hat, und dass auch dies einen Einfluss auf das Selbstwertgefühl ausübt. Er wünscht sich, endlich „erwachsen zu werden, um ein jüdischer Mann zu sein“. Aber als er in seiner (geographischen) Heimat ankommt, ist er zwar unter den „Seinen“, aber immer noch nicht daheim. Super war natürlich auch der Schluss! Mit nur einem Satz wird das gesamte psychologische System durch den Kakao gezogen, und Spielvogel als Karikatur entlarvt. --------------------------------------------------------------------------------------------------- Im Großen und Ganzen stellt „Portnoy’s Complaint“ eine wunderbar tragikomisches Psychogramm dar, das auf jeden Fall empfehlenswert ist. Allerdings habe ich es ähnlich empfunden, dass der (unser) dritte Teil etwas an Tempo verliert, weshalb ich nicht die vollen 5 Sterne vergeben habe. Doctor, maybe other patients dream – with me, everything happens. (257) Ich danke dem Herrn ebenfalls für den interessanten Austausch und hoffe auf baldige Fortsetzung! | Group: Austrian Library Thingers58 members 76 messages AboutThis topic is not marked as primarily about any work, author or other topic. Touchstones |